Thema: Blogwerk

 

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Kommentar-Elitarismus bei NZZ Online:
26% werden gelöscht

Peter Hogenkamp, 28. November 2007 um 8.07 Uhr, 11 Kommentare Kommentare

Letzte Woche habe ich bei der Internet-Briefing-Veranstaltung “User Generated Content - keine Angst vor dem Kunden” über “Online-Kommentare - mehr als Leserbriefe 2.0″ gesprochen. Ich hatte vorher und nachher ziemlichen Stress wegen einer Art Autopanne, daher hatte ich keine Zeit, etwas darüber zu schreiben. Marcel Bernet hat das dankenswerterweise bei sich gemacht.

Mein Vortrag wäre für den geneigten Leser unserer Blogs nicht überraschend gewesen, weil ich nur erzählt habe, was wir jeden Tag machen, und dass das “Kommentarwesen” einen zwar machmal schon etwas stresst, aber dass die Kommentare insgesamt einen grossen Mehrwert darstellen, der deutlich höher einzuschätzen ist als das bisschen Ärger (bitte mir diese Passage vorlegen, wenn es demnächst mal wieder so weit sein sollte).

Unsere Kommentar-Policy, die es nicht einmal schriftlich gibt, beruht auf der Maxime: Wir schauen mal, was passiert, und greifen nur ein, wenn es unbedingt nötig ist. Meine “Top-Kommentarkiller” hat jeder Blogger oder Blogleser schon einmal erlebt: Registrationszwang, manuelles Freischalten, Real-Name-Zwang, Kommentare löschen oder nicht beantworten, Korrekturen nicht in Beitrag einarbeiten, überhebliche oder aggressive Antworten.

Direkt nach mir kam Urs Holderegger von NZZ Online und stellte vor, was sie in dieser Hinsicht machen, denn seit dem Relaunch vom Juli 2007 kann man auch bei der NZZ kommentieren. (Auch dazu hat Marcel Bernet inzwischen seine Notizen gepostet: “NZZ Online: Leser droht mit Kommentar?“)

Der beste Satz von Urs war der erste: “Wir machen eigentlich alles das, was Peter als ‘Kommentarkiller’ bezeichnet hat.” Wenigstens sind sie erfrischend ehrlich. Sie haben andere News-Sites und die Diskussionen dort analysiert und einen eigenen Ansatz entwickelt, zu dem sie nun auch stehen (auch wenn Urs später beim Rausgehen halb entschuldigend meinte, er habe “halt eine 228-jährige Tradition da drüben”, auf die er Rücksicht nehmen müsse).

Den Ansatz halte ich allerdings grösstenteils für falsch. In Kurzform kann man sagen, dass NZZ Online es geschafft hat, das klassische “Leserbriefmodell” der Zeitung - Leser schreibt als Reaktion auf Artikel, Zeitung entscheidet, was “abgedruckt” wird, eine Diskussion der Leser untereinander findet nicht statt - ins Web zu portieren. Das kann man so machen, nur hat das nach meinem Verständnis mit User Participation im Sinne von Web 2.0 nichts zu tun.

Die beeindruckendste Zahl: Von 13 500 eingegangenen Kommentaren wurden 3 500 (26%) nicht freigeschaltet. Die Ablehnungsgründe, über die wohl weitgehend Konsens besteht (Rassismus, Sexismus, Beleidigungen) machen davon nur “rund 10%” aus, der Rest wird gelöscht wegen fehlender Qualität. Wer sich “nicht genug überlegt hat” (!), kommt nicht rein, das gilt für die Inhalte wie für formale Schwächen wie Rechtschreibfehler.

Interessant fand ich die Bemerkung, dass sie mit ihrem CMS Kommentare nicht editieren können. Ich hatte vorher gesagt, dass wir manchmal - sehr selten - etwas aus einem Kommentar rauseditieren und z.B. schreiben: “(Hier wurde ein Satz wegen … gelöscht.)” Das kann die NZZ nicht, weil ihr CMS es nicht unterstützt - “bei uns gibt es nur Daumen hoch oder runter”.

In meinem Teil hatte ich gesagt, dass die Kommentatoren in den Blogwerk-Blogs für einen deutlichen Mehrwert sorgen. “Die Diskussionen in unseren Kommentaren finde ich inhaltlich viel spannender als den durchschnittlichen Leserbrief”, war meine Aussage. (Ehrlich gesagt habe ich mich hier etwas aus dem Fenster gelehnt, weil ich die Leserbriefseiten in Zeitungen nur sehr selten lese. Dieses tendenziell oberlehrerhafte Rumnörgeln von Leuten, denen ein Artikel zu rechts oder zu links oder was auch immer ist, kann ich nicht aushalten.) Das fand Urs natürlich nicht. Er meinte im Gegenteil: “Wer einen Leserbrief an eine Zeitung schreibt, der hat sich meist etwas überlegt und gibt sich entsprechend Mühe. Von Kommentatoren kann man das nicht immer sagen.”

Das mag sogar stimmen. Aber ich bin ganz dezidiert der Meinung, man muss auch die weniger hilfreichen Kommentare in Kauf nehmen, um auch die Perlen zu bekommen. Was die NZZ-Online-Redaktion ihrer Arbeit zugrunde legt, ist eine fiktive Kommentar-Qualitätsskala, sagen wir von 1 bis 100, mit der sie jeden Kommentar bewerten, und ab, sagen wir, 40 Punkten wird freigeschaltet. Ich bezweifle aber sehr, dass einerseits die mit der Selektion beauftragten Redaktoren alle mit der gleichen Skala messen, und andererseits ist völlig klar, dass die individuelle Bewertung eines Kommentars pro Leser teilweise stark abweichen dürfte.

Um mir selbst mal wieder zu vergegenwärtigen, wie “unsere Kommentare” eigentlich sind, habe ich soeben die letzte Diskussion bei neuerdings.com nachgelesen, die mehr als zehn Kommentare ausgelöst hat; das war zu meinem iPhone-Artikel vom Montag. Von bisher 16 eingegangenen Kommentaren sind vier off topic, indem sie sich auf andere Dinge als den Inhalt des Artikels beziehen (Blogdesign, Mehrwertsteuer, WordPress, Verlosung), einer ist weitgehend inhaltsfrei, einer ist redundant, sieben sind Antworten auf die anderen Kommentare - und zwei sind sehr gut, indem sie aktuelle, weiterführende Links enthalten. Für diese beiden muss man halt die anderen “ertragen”, aber ich finde die anderen “Diskussionsfäden” keineswegs völlig nutzlos.

Wie hätte diese Diskussion bei NZZ Online ausgesehen? Wäre überhaupt ein einziger Kommentar durchgekommen? Wahrscheinlich nur die beiden, aber wer weiss, ob die überhaupt gekommen wären, wenn vorher dort “Kommentare: 0″ gestanden hätte.

Nee, nee, das wär nichts für mich. Ich will genauso kommentieren und diskutieren wie es hier zu sehen ist und nicht anders. Dieses manchmal polemische, aber oft selbstironische, oft geschwätzige, aber genauso oft unschlagbar präzise und aktuelle, zwar manchmal anonyme, aber fast immer persönlich Stellung beziehende und daher authentische (auch wenn ich das Wort hasse) macht eben genau den Reiz aus.

Wir führen manchmal die Diskussion, ob wir überhaupt “echte Blogger” seien oder eher ein Online-Verlag, und je nach Tagesform sind wir unterschiedlicher Meinung. Aber an dieser Stelle denke ich wieder, nein, wir sind eben doch waschechte Blogger.

Vielleicht in diesem Kontext ganz interessant ist ein Artikel über Kommentar-Usability, den wir (Zeix) im Oktober für die Netzwoche geschrieben haben: «Leserbriefe schreiben doch nur Rentner und Nörgler».)

neuerdings.com laut Wikipedia-Moderatorin “erkennbar irrelevant”

Peter Hogenkamp, 9. November 2007 um 14.37 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Ich liebe die Wikipedia. Ehrlich. Nutze sie ständig, korrigiere auch mal etwas, habe aber noch nie einen grösseren Text eingestellt. Wie 95% der Leute halt.

Offenbar gab es vor kurzem mal einen Eintrag über unser Blog neuerdings.com, der aber wieder gelöscht wurde. Den Inhalt kann man nicht mehr einsehen, der Text begann: ”neuerdings.com”’ ist eine Publ…”.

Von mir aus. Ich wusste nicht, dass es den Beitrag gab, ich weiss nicht, wer ihn geschrieben hat, und es macht mich auch nicht sehr betroffen, dass er wieder weg ist.

Ich selbst kann nicht sagen, ob das publizistische Angebot von neuerdings.com relevant für ein Online-Lexikon ist. Wir erreichen 120′000 Leute im Monat. Golem.de hat einen Eintrag, die sind aber auch (noch) um den Faktor 10 grösser als wir. Ich habe nicht nach weiteren Beispielen gesucht und auch nicht in vermutlich seitenlangen FAQ, wie die deutsche Wikipedia “relevant” definiert. Ich kann wirklich nicht sagen, ob wir für einen Lexikonbeitrag schon relevant genug sind oder noch nicht.

Trotzdem ist die Begründung für die Löschung interessant, die man auf der Wikipedia-Seite Bearbeiten von Neuerdings.com einsehen kann.

Am 7. November 2007 um 19.36 Uhr löschte “Tilla” den Eintrag und schrieb als kurze Begründung: “Erkennbar irrelevant. Webspam.”

Oops. Wie gesagt, ich bin überhaupt nicht sicher, ob wir “erkennbar relevant” wären, aber ich bin mir doch einigermassen sicher, dass wir nicht “erkennbar irrelevant” sind - wobei ich natürlich nicht weiss, wie lange die Prüfung dauerte, nach der Tilla dies erkannt hatte. (Und “Webspam” sind wir schon mal gar nicht, das ist pure Polemik, aber was soll’s.) Die rund 2000 Leute, die gestern Nacht unsere iPhone-Live-Berichterstattung bei neuerdings.com mit verfolgt haben, fanden es offenbar relevant. (Natürlich kann man sagen, auch solche Events sei irrelevant, aber im iPhone-Eintrag gibt es einen Abschnitt über den Deutschland-Launch.)

Nochmal: Ich bin nicht beleidigt. Und auf die 50 User, die uns im Monat via Wikipedia-Beitrag finden würden, kann ich auch verzichten. Aber ich finde die Absolutheit der Aussage und den Tonfall bemerkenswert. Denn sie erinnert mich an den viel diskutierten Satz: “[...] Weblogs sind bestenfalls öffentlich einsehbare und dennoch private geführte Tagebücher, denen jede gesellschaftliche Relevanz fehlt” aus dem berühmt-berüchtigten SZ-Artikel Abgebloggt.

Und spätestens hier frage ich mich: Hat vielleicht eine differenzierte Argumentation gar nichts mit 1.0 vs. 2.0, Papier vs. Print, etabliert vs. neu zu tun, sondern gibt es überall ein Establishment, das sich anmasst, mit einem Federstrich zu entscheiden, was relevant sei und was nicht? Und hat vielleicht die deutsche Wikipedia diesen Status auch schon erreicht, wo jemand in drei Wörtern sagen kann, ein Projekt, in das schon mehrere Personenjahre geflossen sind, sei “erkennbar irrelevant”? Das wäre dann schade um ein mir immer noch sehr sympathisches Projekt.

[via "mds" per persönlicher Nachricht]

Noch eine kleine Ergänzung: Peter Sennhauser meinte, vielleicht sei der Beitrag “erkennbar irrelevant” gewesen. Kann sein, aber zumindest mds und ich haben es beide anders verstanden.

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  • Über mich

    Peter Hogenkamp, Unternehmer aus Detmold (NRW), seit 1990 in der Schweiz, Gründer mehrerer Startups, zuletzt und aktuell Blogwerk.
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