Strange man in front of door.
Von Peter Hogenkamp am 13. August 2007 um 06:09 Uhr Kommentare (7)
Kategorien: Medien
Habe das Ende der Zugfahrt genutzt, um den Artikel “Abgebloggt” in der “Süddeutschen” zu lesen, obwohl nach Florians Kommentar im medienlese-Wochenrückblick eigentlich klar war, was drinsteht.
Schon der erste Absatz spricht Bände:
Eine junge Frau ruft bei ihrem Friseur an und fragt, ob die Räume des Haarschneiders mit W-LAN ausgestattet seien. Die Friseurin am anderen Ende der Leitung ist überfordert. Nein, sagt sie, wir verwenden Schwarzkopf, kein W-LAN. Ende der Geschichte. Finden Sie weder interessant noch lustig? Deutschlands bekanntestem Mainstream-Weblog, Spreeblick, war diese Anekdote einer Berliner Bloggerin eine Verlinkung an prominenter Stelle wert.
Ehrlich gesagt fand ich die Geschichte, aus der Situation heraus vorgetragen (es ist ja kein Witz, sondern die WLAN-Frage haben wohl viele Laptop-User in einem Café schon mal gestellt, um bei der Bedienung auf völliges Unverständnis zu stossen), durchaus ganz witzig. Julie und Malte haben eben noch ein bisschen Selbstironie. Man bloggt, flickert, twittert zwar, weiss aber durchaus, dass es auch noch massenweise Leute gibt, die keinen Schimmer haben.
Entscheidend ist allerdings die kurze Passage: “eine Verlinkung an prominenter Stelle”. SZ-Autor Johannes Boie hat offenbar für seinen Artikel recherchiert, als der Post “Hirnföhn” gerade bei Spreeblick oben stand. Und zeigt just mit dieser Formulierung, dass er keine Ahnung hat, wie Blogs die Inhalte präsentieren - immer das neueste zuoberst, daher prominent. Das wiederum ist etwas traurig für jemanden, dessen Name mit der Mailadresse computer-online@sueddeutsche.de verlinkt ist.
Wobei er es gleich im zweiten Absatz dann doch zu wissen scheint, denn Weblogs sind “chronologisch geführt”:
Gewiss, das ist nur ein Beispiel. Aber eines das zeigt, wo Weblogs einzuordnen sind. Knapp 100 der chronologisch geführten Netz-Tagebüchern prägen in Deutschland das Bild von Weblogs - eines der bekanntesten davon ist Spreeblick. Rund 100 000 weitere Weblogs sind bestenfalls öffentlich einsehbare und dennoch private geführte Tagebücher, denen jede gesellschaftliche Relevanz fehlt.
Puh. Über dieses hingeworfene “gesellschaftliche Relevanz” wird natürlich viel diskutiert, zum Beispiel bei Robert. Dort ist die Argumentationslinie der meisten Kommentatoren etwa: “Wir wollen doch gar keine gesellschaftliche Relevanz, sagen wir auch schon seit Jahren.”
Dazu könnte man allerdings noch einiges mehr sagen. Offenbar hat Johannes Boie noch nichts vom Long Tail gehört, oder er hat es nicht verstanden. Das Modell bezieht sich zwar ursprünglich vor allem auf Geschäftliches, aber man kann es auf viele Dinge rund ums Internet anwenden, auch auf die Möglichkeit öffentlicher Diskussionen. Das Spannende am Internet generell wie auch an Blogs ist doch, dass man praktisch kostenlos publizieren und diskutieren kann und dass daher auch die gelben Bereiche ihre Berechtigung haben. Ich finde es in der Summe gesellschaftlich sehr relevant, wenn es auch Ameisen-Blogs oder Blogs zum Marfan-Syndrom gibt (gerade gegoogelt, hab nicht mal gelesen, was das ist, ich Ignorant).
Die meisten “etablierten” Medien-Leute sagen einfach seit Jahren nichts anderes als: “Wir sind Grün, und alles Gelbe kann man eh total vergessen, und das wird sich auch nie ändern.”
Nie zu ändern scheint sich vor allem diese Diskussion, denn wir haben sie schon vor genau zwei Jahren geführt, angesichts des Artikels “Internet: Die Revolution, die keine war” von Guido Mingels. Und deswegen ist eigentlich auch schon alles gesagt, und ich spare mir das kommentieren des weiteren Textes - denn hier erreiche ich bekanntlich sowieso die falschen Leute.
Hut ab allerdings auch einige Wochen später nochmal vor der Schweizer SonntagsZeitung, die Blogwerker Peter Sennhauser - der inzwischen eindeutig mehr Online-Journalist als Print-Journalist ist - einen Artikel über das Verhältnis der beiden Gruppen schreiben liess.
Fotolegende: Die Online-Version des Artikels ist mit einem iStockPhoto namens “strange man in front of door” illustriert. Die Bildredaktion reicht Hand bei der Obkurisierung der Leute, die sich stolz “Blogosphäre” nennen. :-)
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7 Kommentare
[…] Peter Hogenkamp erklärt in seinem Artikel ein paar Dinge wie den Long Tail der Blogosphäre oder die chronologische […]
Hardy Villwock
schrieb am 13. August 2007, 18:24 Uhr (Permalink zum Kommentar)Sehr schöne Auflistung von Poplog!
Wer nicht möchte, daß jemand sein Geschriebenes liest, der schreibt es auf Papier und packt es in die Truhe. Dann ist Ruhe.
Will
schrieb am 13. August 2007, 21:02 Uhr (Permalink zum Kommentar)Hihihi, der Johannes Boie muss ja ganz schön frustriert sein… und für einen “professionellen” Journalisten macht er doch einige Schreibfehler… ahh, stimmt ja, die “professionellen” Artikel werden normalerweise vor dem Druck von anderen noch korrigiert. Geht halt nicht online;-)
die SZ mit kläglichem Angriffsversuch .. gescheitert! » Braintwist
schrieb am 14. August 2007, 17:56 Uhr (Permalink zum Kommentar)[…] mit Post für diesen Artikel: Stefan Büffel , Peter Hogenkamp, Don Dahlmann, Julie im Paradies, Stefan Niggemeier, Christian - Am Ende des Tages . […]
Subkultur « nerone
schrieb am 16. August 2007, 09:40 Uhr (Permalink zum Kommentar)[…] hogenkamp: […]
Wird die Blogosphäre die Weltherrschaft übernehmen?
schrieb am 16. August 2007, 18:50 Uhr (Permalink zum Kommentar)[…] Thema wurde natürlich in den letzen Tagen gut, fundiert und ausführlich diskutiert und ich habe dem nicht mehr viel hinzuzufügen außer einer […]
hogenkamp.com » Blog Archiv » Guter NZZ-Artikel über das BlogCamp
schrieb am 26. October 2007, 16:53 Uhr (Permalink zum Kommentar)[…] mich in den letzten Wochen ein wenig mit SEO beschäftigt habe, muss ich sagen, dass der Titel Strange man in front of door in Sachen Keywordhaltigkeit so ziemlich das schlechteste ist, was man überhaupt machen kann. […]
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Irrelevanz und Selbstreferentialität - Chronologie einer Debatte | POPLOG
schrieb am 13. August 2007, 16:27 Uhr (Permalink zum Kommentar)